NEUANFANG

NEUANFANG…

 

 

 

 

"Wo befinden Sie sich zurzeit?" fragte ich eine ältere Dame, in dem ich einen Blick auf die vier kleinen Gemälde über ihrem Bett warf, die wie ein Stimmungsbarometer die vier Jahreszeiten darstellten. Ein altes Bauernhaus mit einem daneben stehenden Baum, der einmal blüht, dann Früchte trägt, dann die Blätter verliert und schließlich, vom Schnee bedeckt, die vierte und letzte Jahreszeit symbolisiert…

 

…Die letzte? Ist mit dem Winter denn alles vorbei? "Wo befinden Sie sich zurzeit?" fragte ich… zurzeit… denn hatten wir nicht alle schon einmal oder sogar mehrmals das Glück, einen neuen Frühjahrseinbruch zu erleben, wo wir gar keinen mehr erwartet haben? Eine tiefe, ehrliche, unzerreißbare Freundschaft, die einen neu aufleben lässt; eine neue Arbeitsstelle, noch mit fünfzig, wie man sie sich vorher nicht hätte träumen lassen ; das Abschließen von Trauer oder das Akzeptieren einer Situation, mit der man leben muss um nicht daran zu Grunde zu gehen… auch das bringt wieder Licht in die Dunkelheit!

Bei alledem denke ich an wunderbare Worte einer bedeutenden Gestalt unserer Geschichte, ein Mann, der nach 1945, als Abschluss seiner Kriegsmemoiren, folgendes niederschrieb (hier ins deutsche übersetzt):

"In dem kleinen Park — ich habe ihn Fünfzehntausendmahl umschritten – geschieht es selten, dass die Bäume, die die Kälte entblätterte, nicht wieder grünen und dass die von meiner Frau gepflanzten Blumen nach dem Verwelken nicht wieder blühen.

Die Häuser des Dorfes sind zwar alt aber plötzlich entströmt ihnen eine Schar lachender Mädchen und Jungen. Wenn ich in einem der nahen Wälder spazieren gehe, erfüllt mich ihr tiefer Schatten mit Wehmut; aber plötzlich erinnern mich  das Lied eines Vogels, ein Sonnenstrahl im Blattwerk oder die Knospen eines Strauches daran, dass das Leben, seitdem es auf Erden erschien, einen Kampf führt,den es niemals verloren hat. Dann fühle ich mich durchdrungen von einem geheimen Trost. Da alles immer wieder neu beginnt, wird auch das, was ich getan habe, früher oder später eine Quelle neuen Strebens sein, nach dem ich nicht mehr da sein werde.

Je älter ich werde, umso näher rückt mir die Natur. Alljährlich tröstet mich ihre Weisheit in vier Jahreszeiten, von denen jede eine Lehre enthält.

Im Frühjahr singt sie: "Was auch vor Zeiten geschehen sein mag, ich bin der Anfang! Alles ist voller Licht, trotz Regen und Hagel, alles wird grün, auch die verkrüppelten Bäume, alles ist schön, selbst die steinigen Felder. Die Liebe lässt in mir Kräfte aufsteigen, die so strahlend und mächtig sind, dass sie niemals aufhören werden!"

Im Sommer verkündet sie: ,,Wie herrlich ist meine Fruchtbarkeit! Aus mir treibt kräftig alles hervor, was die Lebewesen ernährt. Aus meiner Wärme kommt jedes Leben. Dieses Korn, diese Früchte, diese Herden, jetzt von Sonne überflutet, sind ein Erfolg, den niemand zu zerstören vermag. Nunmehr gehört die Zukunft mir!"

Im Herbst  seufzt sie: "Meine Aufgabe  nähert sich ihrem Ende. Ich habe Blumen, Korn und Frucht gespendet. Jetzt halte ich Einkehr. Seht, wie schön ich  noch bin in meinem Kleid aus Purpur und Gold unter dem gleißenden Licht. Ach, bald werden mich Wind und Reif meines Schmuckes berauben. Aber eines Tages, wird mein entblößter Leib in neuer Jugend erblühen!"

Immer Winter ächzt sie: ,,Nun bin ich erstarrt und vereist. Wie viele Pflanzen, Tiere und Vögel, die ich ins Leben rief und liebte, sterben an meinem Busen, der sie nicht mehr nähren noch   wärmen kann!

Hat also das Schicksal gesprochen? Triumphiert immer der Tod? Nein! Unter  meiner  erstarrten Oberfläche vollzieht sich bereits ein unhörbares Wirken. In der Tiefe der Finsternis ahne ich voraus die wunderbare Wiederkehr des Lichtes und des Lebens".*)

Also… Wo auch immer Sie sich zurzeit befinden, vergessen Sie es nicht: ein Neuanfang könnte auch ihr Leben verändern!

Patrick GEBEL.

*) Ch. De Gaulle : Mémoires. Bibliothèque de la Pléiade,pp. 874s.  

 

 

 

 

 

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Dernière mise à jour de cette rubrique le 12/05/2008